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Das Rote Waldvögelein

Das Rote Waldvögelein ist eine der schönsten Orchideen der Schweiz.

Rotes Waldvögelein – Cephalanthera rubra

An meine erste Begegnung mit dem Roten Waldvögelein kann ich mich noch ganz genau erinnern: Ich entdeckte die Pflanze im Alter von 11 Jahren beim Heidelbeeren Sammeln am Fuss einer Sandsteinfluh bei Krauchthal. Sofort war ich gefesselt von der Anmut und Schönheit dieser Pflanzen. Zuhause fand ich dann heraus, dass es sich bei Cephalanthera rubra um ein Orchideengewächs handelt und dass es in der Schweiz noch viele weitere Orchideenarten gibt. Das war der Beginn meiner grossen Liebe und Faszination für diese Pflanzenfamilie. Von da an wurden alle Wälder und Wiesen die für mich mit dem Fahrrad erreichbar waren nach Orchideen durchkämmt.

Den Standort bei Krauchthal, den ich damals mehrmals pro Jahr aufsuchte, habe ich nun nach mehreren Jahrzehnten erstmals wieder zur Blütezeit des Waldvögeleins besucht. Ich wurde nicht enttäuscht: Rund 100 Cephalanthera rubra blühen zurzeit. Ausserdem hält der Standort noch eine erfreuliche Überraschung bereit! Aber davon später.

Cephalanthera rubra ist eine Waldorchidee die im Schweizer Mittelland trotz ihrer Seltenheit noch zu finden ist.
Cephalanthera rubra, eine Waldorchidee der Schweiz.

Das Rote Waldvögelein – Artportrait

Systematik:

  • Familie: Orchideen (Orchidaceae)
  • Unterfamilie: Epidendroideae
  • Tribus: Neottieae
  • Subtribus: Limodorinae
  • Gattung: Waldvögelein (Cephalanthera)
  • Art: Rotes Waldvögelein (Cephalanthera rubra)

Merkmale / Beschreibung:

Ausdauernde, krautige Pflanze mit verlängertem, unterirdischem und meist verzweigtem Rhizom. Stängel 20-70cm hoch, oben drüsig behaart mit mehreren Schuppenblättern am Grund und 2-6 Laubblättern. Laubblätter lanzettlich bis lineal-lanzettlich, bis 14cm lang und 3cm breit. Blütenstand: Lockere Ähre, trägt wenige bis über 20 Blüten. Tragblätter nach oben allmählich kleiner werdend, drüsig. Blüten hell bis kräftig rotlila, sich weit öffnend. Kelchblätter eiförmig lanzettlich, 17-25mm lang und 6-8mm breit, zugespitzt, aussen flaumig behaart. Seitliche Kronblätter 15-20mm lang und kahl. Lippe heller als Kronblätter, 15-20mm lang, kahl. Lippe heller als die Perianthblätter, 17-23mm lang, 2gliedrig, ohne Sporn. Hypochil von knapp 1/3 der Lippenlänge, konkav, mit aufrecht stehenden Seitenlappen. Epichil eiförmig-lanzettlich, mit 7-15 bräunlichen Längsleisten, vorderer Teil dreieckig zugespitzt mit violettem Rand und gekräuselt. Fruchtknoten schlank, drüsig.

In der Schweiz heimische Orchidee
Wie viele andere Orchideen auch, ist das Rote Waldvögelein pflückgefährdet

Die Bestäubungsbiologie des Roten Waldvögeleins:

Das Rote Waldvögelein ist eine sogenannte Nektartäuscherblume. Es bietet seinen Bestäubern weder Nektar noch Pollen als Nahrung an. Nach Untersuchungen von NILSSON (1983) reflektieren die Blüten von Cephalanthera rubra ein Lichtwellen-Spektrum das im Bereich verschiedener Campanula-Arten (Glockenblumen) liegt. Männchen der Bienengattungen Chelostoma, Dufourea und Bombus, welche die Blüten von Campanula als Schlafplatz und Nahrungsquelle nutzen, werden durch das Farbspektrum der C.rubra Blüten getäuscht. Die Mimikry der scheinbaren Glockenblumenblüte wird durch die Gelb-bräunlichen Längsleisten auf der Vorderlippe, die von den Insekten mit Pollen verwechselt werden, unterstützt.

Mehr dazu erfährst Du unter Beobachtungen zur Bestäubung von Cephalanthera rubra.

Varietäten:

Selten treten Pflanzen mit weissen Blüten auf. Es handelt sich um Cephalanthera rubra var. alba.

Die weissblütige Varietät des Roten Waldvögeleins
Cephalanthera rubra var. alba ist die seltene weiss blühende Varietät des Roten Waldvögeleins

Verbreitung:

Das Rote Waldvögelein ist in Europa bis zur Krim und zum Kaukasus, Nordafrika und Vorderasien von der temperaten Zone bis zur meridionalen Zone verbreitet, allerdings nur selten im atlantischen und pontischen Florengebiet.

In der Schweiz kommt Cephalanthera rubra zerstreut in allen Landesteilen, vom Flachland bis in die submontane Zone vor.

Standort:

Das Rote Waldvögelein besiedelt halbschattige Standorte in Laubwäldern, Mischwäldern und Kiefernwäldern. Es bevorzugt frische, neutrale bis basische (pH 5.5-8.5), nährstoffarme Böden. Dabei werden kalkhaltige Untergründe bevorzugt. Im Mittelland ist es am häufigsten auf sandigen Unterlagen anzutreffen. In der Schweiz ist Cephalanthera rubra selten, aber aufgrund der vielen potentiellen Biotope als nicht gefährdet eingestuft. Leider ist die geschützte Art aufgrund ihrer Attraktivität sehr pflückgefährdet.

Das Cephalanthera Biotop bei Krauchthal und seine Besonderheiten:

Das Rote Waldvögelein ist rund um Krauchthal noch relativ verbreitet und an einigen Stellen anzutreffen. Ein bekanntes Vorkommen gibt es zum Beispiel auf der Kreuzfluh.

In meiner Jugend habe ich die Region mit dem Fahrrad intensiv abgesucht und bin dabei auf mehrere kleine Vorkommen von Cephalanthera rubra gestossen. Vorteilhaft für den hier beschriebenen Standort ist wohl, dass er an einem eher selten begangenen Waldpfad liegt, der nicht als Wanderweg gekennzeichnet ist. Somit ist er sicher besser vor menschlichen Eingriffen geschützt als andere Standorte. Trotzdem musste ich auch hier ab und zu feststellen, dass 10 oder gar 20 dieser schönen Orchideen abgepflückt worden waren. Leider kam es auch schon vor, dass einige der Pflanzen sogar ausgegraben wurden. Deshalb kann ich hier keine Koordinaten nennen

Mit seinem zarten Wuchs ist das Rote Waldvögelein eine sehr attraktive Pflanze
Das Rote Waldvögelein ist durch seinen grazilen Wuchs sehr attraktiv.

Das Besondere an diesem Biotop ist, dass es an einem Forstweg im Buchenwald liegt, der fast auf seiner ganzen Länge an Sandsteinfelsen grenzt. Die Wegschneise die dadurch künstlich geschaffen wurde, wertet das Biotop durch den zusätzlichen Lichteinfall noch auf.  

Das Rote Waldvögelein wächst hier vor allem an sehr lichten Stellen am Fuss der Sandsteinfelsen. Durch die stetige Erosion entstehen tiefgründige Sandige Böden die aufgrund ihrer Hanglage eher trocken sind. Die Pflanze wächst aber durchaus auch an schattigeren Lagen.

Weitere Orchideenarten die im näheren Umkreis wachsen: Weisses Waldvögelein, Schwertblättriges Waldvögelein (Beobachtung aus meiner Jugend, mittlerweile wahrscheinlich erloschen), Nestwurz, Zweiblatt, Zweiblättrige Waldhyazinthe, Grünliche Waldhyazinthe, Breitblättrige Stendelwurz, Braunrote Stendelwurz, Müllers Stendelwurz, und das Gefleckte Kanbenkraut (Jugendbeobachtung, schon lange nicht mehr vorganden).

Epipactis microphylla – die grosse Überraschung

Dieses Jahr kommt aber noch eine weitere Art dazu, die ich hier bisher noch nie beobachtet habe: Es ist die seltene Kleinblättrige Stendelwurz (Epipactis microphylla). Für mich ist das eine grosse und freudige Überraschung. Bisher habe ich Epipactis microphylla nur am Jurasüdfuss und bei Spiez gefunden. Eine neue Art an einem bestens durchsuchten Standort zu finden ist schon was Besonderes!

Die Kleinblättrige Stendelwurz ist eine unscheinbare und seltene Orchidee
Die Kleinblättrige Stendelwurz ist die grosse Neue am Standort im Krauchthal.


Über Adrian Hirsbrunner
Adrian Hirsbrunner ist 1970 geboren und interessiert sich seit seiner Kindheit für die Natur. Seit 2009 setzt er sich intensiv mit Naturfotografie auseinander. Seine ersten Schritte in die Naturfotografie machte er mit dokumentarischen Pflanzenbildern. Heute setzt er sich mit verschiedensten Themen rund um die Natur Europas auseinander. In den letzten unberührten Landschaften dieses Kontinents, findet er seine Motive und seine Inspiration.

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