image Lewis and Harris image Bienenfresser (Merops apiaster)

Schreiben Sie eine Nachricht...

Send Message

Die Bocks-Riemenzunge

Die Bocks-Riemenzunge ist eine Orchideenart mediterranen Ursprungs.

Bocks-Riemenzunge (Himantoglossum hircinum)

Die Bocks-Riemenzunge (Himantoglossum hircinum) ist eine der grössten und auch eine der sonderbarsten Orchideenarten der Schweiz. Wer sie entdeckt und genauer betrachtet, ist erst mal erstaunt über ihre zahlreichen exotisch anmutenden Blüten mit den zungenförmigen, bis zu 8cm langen, spiralig gedrehten Mittellappen.

Erst wer die Blüten der Riemenzunge von nahe betrachtet, nimmt die Exotik dieser Orchideenart wahr.
Himantoglossum hircinum – Detailaufnahme

Die stattlichsten Exemplare der Riemenzunge werden bis zu 120cm hoch. Trotzdem ist sie für ungeübte Augen im hohen Gras nicht so leicht auszumachen. Zu wenig zeichnen sich die Einzelheiten ihres Blütenstands vom unruhigen Gewirr aus Stängeln, Grashalmen und Blüten der Wiese ab. Umso auffälliger ist aber ihr stechender Geruch, dem sie den ersten Teil ihres Namens verdankt. Von vielen Botanikern wird er demnach gerne mit der Olfaktorik des Geissbocks assoziiert. Für mich ist der Geruch eher schwer zu definieren: Wie gesagt, ich empfinde ihn vor allem als stechend und etwas süsslich. Irgendetwas zwischen nassem Hund und nassem Jute-Sack.

Diesen übelriechenden Genossen bin ich also dieses Jahr in den hügeligen Gefilden oberhalb des Bielersees mit der Kamera auf den Leib gerückt. Entschlossen, das Wesen dieser sonderbaren Kobolde zu ergründen, entdeckte ich so einige Feinheiten, die dem normalen Wanderer sonst entgehen.

Riemenzunge im Gegenlicht

Artportrait – Botanik der Riemenzunge

Systematik:

  • Familie: Orchideen (Orchidaceae)
  • Unterfamilie: Orchidoideae
  • Tribus: Orchideae
  • Subtribus: Orchidinae
  • Gattung: Riemenzungen (Himantoglossum)
  • Art: Bocks-Riemenzunge (Himantoglossum hircinum)

Beschreibung:

Ausdauernde, krautige Pflanze 20-90 (120) cm hoch.

Stängel kräftig, oben kantig.

Am Grund 2-3 Schuppenblätter, darüber zahlreiche (7-13), am Grund gehäuft, nach oben kleiner werdende Laubblätter, die unteren fleischig, eiförmig lanzettlich, 6-15 cm lang und 3-5 cm breit, bläulich-grün, zur Blütezeit oft bereits welkend.

Blütestand bis 50 cm lang, dicht- und reichblütig, mit 20-120 Blüten.

Brakteen häufig, 1-3mal so lang wie der Fruchtknoten, weisslich oder hellgrün, gegen die Spitze oft rötlich überlaufen.

Blüten intensiv riechend, Geruch scharf und süsslich.

Sepalen und Petalen helmförmig zusammenneigend, konkav, bleich-grün, olivgrün, grünlich- oder bräunlich-weiss, oberseits grün geädert, innen kräftig braunrot gestreift und punktiert. Sepalen eiförmig, die seitlichen 8.5-14 mm lang und 4-7 mm breit. Petalen linealisch, 7-10 mm lang und 1-2.5 mm breit.

Lippe dreilappig, am Grund mit welligem Rand gelblich, bräunlich-grün oder schmutzig braun-lila. Im basalen Teil mit weisslichem Zentrum und karmin- bis purpurroten Flecken (Papillen); Mittellappen 3-8 cm lang, im Knospenzustand uhrfederartig eingerollt, zur Blütezeit riemenförmig, schraubig gedreht, an der Spitze 1.5-10 mm tief gespalten; Seitenlappen 10-24 mm lang (ab Lippenbasis gemessen), linealisch, mehr oder weniger wellig, spitz.

Sporn kegelförmig, 4-6.5 mm lang, abwärtsgerichtet. Pollinien durch gemeinsame Klebscheiben verbunden.

Im Wimmelbild der grünen Wiese geht die Riemenzunge trotz ihrer Grösse beinahe unter.
Rhapsodie in Green
Im Wimmelbild der grünen Wiese fällt die Riemenzunge trotz ihrer Grösse nicht wirklich auf.

Standort und Verbreitung der Riemenzunge in der Schweiz:

Die Bocks-Riemenzunge ist in der Schweiz vor allem vom Bodensee entlang des Rheins, weiter bis zum Bieler – Neuenburger – und Genfersee verbreitet. Als ursprünglich mediterrane und daher wärmeliebende Pflanze, findet man sie zwischen 260–850 m ü. M. Hier wächst sie auf Trockenrasen, an den Rändern von Weinbergen, sowie auf spärlich beweideten Wiesen und in Hecken. Böden mit zu hohem Nährstoffgehalt verträgt sie nicht. Himantoglossum hircinum wächst fast immer an Hanglagen.

Naturschutz:

Die Riemenzunge ist in Mitteleuropa selten und die Art wird in der Schweiz gemäss Roter Liste als potenziell gefährdet eingestuft. Nach meiner Beobachtung haben sich viele Schweizer-Bestände der Riemenzunge in den letzten Jahren gut entwickelt und ich gehe davon aus, dass sie in Zukunft auch höher gelegene Areale besiedeln könnte. Aufgrund des wärmeren Klimas dehnt sich ihr europäisches Verbreitungsareal in den letzten Jahren zudem immer weiter Richtung Norden aus.

Über Adrian Hirsbrunner
Adrian Hirsbrunner ist 1970 geboren und interessiert sich seit seiner Kindheit für die Natur. Seit 2009 setzt er sich intensiv mit Naturfotografie auseinander. Seine ersten Schritte in die Naturfotografie machte er mit dokumentarischen Pflanzenbildern. Heute setzt er sich mit verschiedensten Themen rund um die Natur Europas auseinander. In den letzten unberührten Landschaften dieses Kontinents, findet er seine Motive und seine Inspiration.
2 Kommentare
  • Marc

    Interessanter Beitrag und natürlich wie immer tolle Aufnahmen! Weisst Du, welche Insekten Himantoglossum hircinum anzieht?

  • Adrian Hirsbrunner

    Vielen Dank für Deinen Kommentar! Über die Bestäubungsbiologie von Himantoglossum hircinum gibt es keinen wirklichen Konsens. Einige Autoren nennen Bienen als Bestäuber, andere wiederum gehen davon aus, dass die Bocks-Riemenzunge durch allerlei aasfressende Insekten bestäubt wird. In diesem Kontext wird der strenge Duft der Pflanzen auch mit Aasgeruch gleichgesetzt. Weil ich keine sicheren Angaben habe, habe ich die Bestäubungsbiologie in diesem Artikel aussen vor gelassen. Bei der Adriatischen Riemenzunge (Himantoglossum adriaticum), die mit hircinum einiges an morphologischer Ähnlichkeit aufweist, wurden Bienen als Bestäuber festgestellt. Weblink Die Adriatische Riemenzunge besitzt allerdings ein anderes olfaktorisches Profil als die Bocks-Riemenzunge.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.