Die Sumpfohreule
Die Sumpfohreule ist eine weit verbreitete Eulenart aus der Gattung der Ohreulen. Mit ihren leuchtend gelben Augen und ihren kleinen, meist unsichtbaren Federohren ist sie unverwechselbar. Sie ist eine der wenigen Eulenarten, die manchmal auch tagsüber jagt.
Dieses Jahr bereisten wir Schottland und die Äusseren Hebriden. Da die Sumpfohreule auf North Uist und South Uist vorkommt, wollte ich sie dort unbedingt finden und fotografieren.

Tatsächlich hatten wir grosses Glück: Schon am ersten Abend auf South Uist entdeckte ich die Eule auf ihrem Streifzug vor unserer Unterkunft. Der weit entfernte Vogel, den ich aufs Geratewohl mit meiner 500-mm-Brennweite fokussierte, erwies sich beim Hineinzoomen ins Bild als Sumpfohreule. Also folgten wir der Richtung, in der sie verschwunden war. So entstanden die ersten Bilder dieser Dokumentation.
Systematik
Die Gattung der Ohreulen (Asio) umfasst weltweit acht Arten. In Europa ist die Gattung mit der Sumpfohreule (Asio flammeus) sowie der Waldohreule (Asio otus) vertreten.

| Klasse: | Vögel (Aves) |
| Ordnung: | Eulen (Strigiformes) |
| Familie: | Eigentliche Eulen (Strigidae) |
| Gattung: | Ohreulen (Asio) |
| Art: | Sumpfohreule (Asio flammeus) |
Morphologische Beschreibung
Mit 33–42 cm Körperlänge und 95–105 cm Flügelspannweite zählt Asio flammeus zu den mittelgrossen Eulenarten und ist etwas grösser als die ähnliche Waldohreule.
Im Gegensatz zur Waldohreule sind die Federohren der Sumpfohreule mit etwa einem Zentimeter sehr kurz und nur bei starker Erregung sichtbar (engl. Short eared owl). Charakteristisch sind die tiefliegenden Augen mit schwefelgelber Iris, die hinter der schwarzen Augenmaske hervorstechen. Der runde Kopf besitzt einen hellgrauen bis weissen, von den Augen nach aussen radial gezeichneten Gesichtsschleier, den ein herzförmiges, fast weisses Band abschliesst.
Die variable Grundfärbung des Gefieders reicht von hellem Schilfgelb bis zu hellen Brauntönen und ist rötlich- bis dunkelbraun gefleckt und geflammt.
Die im Sitzen sichtbaren Armdecken sind dunkelbraun bis fast schwarz, rötlich bis hellbraun durchsetzt und vereinzelt weisslich gefleckt. Diese Zeichnung tarnt den Bodenbrüter perfekt.

Im Flug heben sich die Armdecken deutlich von den an der Basis hellen Handschwingen ab. Diese sind zum Flügelende hin dreifach gebändert und weiss gerandet; die Zeichnung setzt sich über die gesamten Armschwingen fort.
Die Steuerfedern sind vierfach dunkel gebändert und enden ebenfalls in einem weissen Band.
Die hell cremefarbene, bei manchen Individuen fast weisse Körperunterseite ist dunkel gestrichelt. Die ebenfalls fast weisse Unterseite der Armschwingen tragen einen auffälligen halbmondförmigen Handwurzelfleck.

Die Sinne der Sumpfohreule
Als dämmerungs- und teilweise nachtaktiver Vogel ist die Sumpfohreule eine absolute Spezialistin. Um sich nachts zu orientieren, verlässt sie sich auf ihre scharfen Sinne.
Restlichtverstärkende Augen
Sumpfohreule können mit ihren grossen Pupillen bis zu 2.5x mehr Licht einfangen als das menschliche Auge. Ihre Netzhaut ist zu einem grossen Teil mit Stäbchen besetzt und somit optimal auf die Hell-Dunkel-Wahrnehmung angepasst. Damit können sie auch in der Dämmerung minimale Bewegungen wahrnehmen. Zudem erlauben ihnen die nach vorn gerichteten Augen ein binokulares Sichtfeld, mit dem sie Entfernungen genau abschätzen können. Um die starre Position der Augen zu kompensieren, können sie ihren Kopf um 270° drehen, ohne ihre Position zu ändern.
Hochspezialisiertes Gehör
Die Ohren der Sumpfohreule sind anders als etwa beim Menschen asymmetrisch. Das linke Ohr liegt etwas oberhalb der Augen und ist leicht abwärtsgerichtet, das tiefere rechte dagegen leicht aufwärts. Dadurch kann die Sumpfohreule die Ankunftszeit des Schalls für die Errechnung der Schallposition in der Horizontalen, gleichzeitig aber die Unterschiede der Schallintensität für vertikale Positionsbestimmungen verwenden. Die beiden Signale werden unabhängig voneinander in zwei Nervenbahnen verarbeitet, wodurch das Gehirn der Eule eine dreidimensionale Karte «errechnen» kann und die Herkunft eines Geräusches nachts blitzschnell und präzise orten kann. Ihr Gesichtsschleier dient ihnen zudem als Schallverstärker, der den Schall effektiv zu den Ohren weiterleitet.

Verbreitung
Das Verbreitungsgebiet der Sumpfohreule ist sehr gross, sie kommt auf nahezu allen Kontinenten vor.
In Nordamerika besiedelt Asio flammeus weite Teile Kanadas und der nördlichen sowie zentralen USA. In Südamerika ist die Art vor allem in der Südhälfte verbreitet und reicht bis Feuerland; zudem brütet sie auf einigen Inselgruppen im Südatlantik und Pazifik.
Das eurasische Brutgebiet reicht von Osteuropa, Skandinavien und dem nördlichen Grossbritannien durch das geschlossene Band Nord- und Zentralasiens bis an die Pazifikküste.
In West-, Südwest- und Mitteleuropa brütet die Sumpfohreule nur sehr zerstreut und unregelmäßig.
In Deutschland ist die Sumpfohreule ein sehr seltener Brutvogel. Regelmässige Vorkommen gibt es vor allem in Norddeutschland und auf einigen friesischen Inseln; weiter südlich kommt es nur in guten Mäusejahren zu sporadischen Bruten.
In Österreich brütet die Art vor allem im Seewinkel des Neusiedlersees, allerdings nur in günstigen Jahren und nicht regelmäßig. Frühere Vorkommen im Rheindelta sind erloschen. Aus der Schweiz liegen weder historische noch aktuelle Brutnachweise vor.

Zugverhalten
Während Vögel, die aus Brutgebieten aus dem hohen Norden- oder dem hohen Süden stammen echte Zugvögel sind, sind viele Sumpfohreulen aus Brutgebieten gemässigter Lagen eher vagabundierend oder nomadisierend. Auch einige Inselpopulationen zeigen tendenziell mehr Ortstreue.
Sumpfohreulen zeigen ein komplexes und variables Zugverhalten, das bis heute nicht vollständig verstanden wird. Sie zeigen sowohl in Richtung Brutgebiet als auch in Richtung Überwinterungsgebiet wenig Ortstreue. Ihr Zug- respektive nomadisches Verhalten richtet sich stark nach dem jeweiligen Nahrungsangebot.
In einer Langzeitstudie des leitenden Forschungsökologen John Calladine von der BTO wurde eine weibliche Sumpfohreule erfasst, die in zwei aufeinanderfolgenden Jahren einmal 41 km von ihrem vorjährigen Nistplatz entfernt brütete, und im Folgejahr 4216 km entfernt.
Lebensraum der Sumpfohreule

Die Sumpfohreule lebt bevorzugt in offenen, weitgehend baumlosen Landschaften mit niedriger, strukturreicher Vegetation, die ihr Deckung und Brutplätze bietet. Typische Lebensräume sind Tundren, Moore, Heiden, Verlandungszonen, Dünen, Salzwiesen sowie teilweise extensiv genutztes Agrarland oder große Kahlschläge. Feuchtgebiete sind besonders in Mitteleuropa wichtige Brutareale, obwohl die Art nicht zwingend darauf angewiesen ist.
Ihre Verbreitung reicht von Tundraregionen über Grassteppen bis in hoch gelegene Andengebiete. Die Siedlungsdichte hängt stark vom Nahrungsangebot ab: In guten Wühlmausjahren können mehrere Paare relativ nahe beieinander brüten, wobei die Reviergrößen stark von der Qualität und den Strukturen des angrenzenden Jagdgebiets abhängig ist.
Balz und Brutaufzucht
Die Sumpfohreule wird bereits im ersten Lebensjahr geschlechtsreif und brütet meist im folgenden Frühjahr. Während der Brutzeit lebt sie in der Regel in saisonaler Monogamie. Die Paarbildung kann schon im Winterquartier beginnen und erreicht ihren Höhepunkt im Brutterritorium. Dort zeigt das Männchen auffällige Revier- und Imponierflüge mit langsamen Flügelschlägen, Rufen und Flügelklatschen. Am Boden erfolgen anschliessend Beuteübergaben und Paarung.
Die Eiablage beginnt in Europa und Nordamerika meist ab Mitte März und erreicht im April ihren Höhepunkt. Frische Gelege können jedoch noch bis in den Juni oder Juli vorkommen. In Ausnahmefällen, vermutlich bei besonders guter Nahrungslage und bei guten Witterungsbedingungen, ist im Herbst- oder Winter eine zweite Brut möglich.

Ein Vollgelege besteht gewöhnlich aus 7 bis 10 Eiern, kann aber insgesamt zwischen 4 und 14 Eier umfassen. Sie werden etwa im Abstand von zwei Tagen gelegt. Das Weibchen beginnt bereits ab dem ersten Ei mit der Bebrütung und verlässt das Nest während der Brutzeit nur selten. In dieser Zeit wird es vom Männchen mit Nahrung versorgt. Nach einer Brutdauer von etwa 26 bis 29 Tagen schlüpfen die Küken entsprechend dem Legeabstand zeitlich versetzt.
Die Entwicklung der Jungen verläuft schnell, ist aber durch den Altersunterschied innerhalb des Geleges ungleichmäßig. Nach etwa 12 bis 18 Tagen verlassen die noch nicht flugfähigen, aber bereits gut lauffähigen Jungeulen das Nest und verteilen sich in der dichten Vegetation. Mit ungefähr 35 Tagen erreichen sie die volle Flugfähigkeit, werden aber danach noch einige Zeit von beiden Eltern versorgt. Ein lockerer Familienverband kann bis zum Wegzug im Herbst bestehen bleiben.
Jagdverhalten und Ernährung
Sumpfohreulen ernähren sich hauptsächlich von Kleinsäugern und insbesondere von Wühlmäusen. Als Beutetiere kommen aber auch kleine Vögel, Insekten und Amphibien in Frage.
Ihre Beute jagt sie dabei vorwiegend im ruhigen und äusserst variablen Suchflug über offene Flächen, der aus einer Höhe von 0.5 – 3 Metern erfolgt. Dabei fliegt sie oft gaukelnd, mit variablen Gleitstrecken und Rüttelphasen. Manchmal wartet sie auch im Ansitz auf ihre Beute. Die Jagd der Sumpfohreule erfolgt nicht nur nachts, sondern auch in der Dämmerung.

Bei der Ortung ihrer Beutetiere verlässt sich die Sumpfohreule nicht nur auf ihre hervorragenden Augen, sondern auch auf ihr ausgezeichnetes Gehör. Dabei ist ihr ihr beinahe geräuschloser Flug hilfreich.
Naturschutz und Gefährdung
Der europäische Gesamtbestand der Sumpfohreule wird auf etwa 58.000 Brutpaare geschätzt, wobei der Gesamttrend in Europa nach massiven historischen Rückgängen im 20. Jahrhundert heute weitgehend stabil ist – allerdings mit deutlichen regionalen Verlusten.
Nach dem europäischen Teil Russlands liegen die größten Bestände dieser Art in Belarus, Skandinavien und Grossbritannien.
Sie gehört zum Anhang I der EU-Vogelschutzrichtlinie (RL 79/409/EWG) und gilt als besonders schützenswerte Art.
In Mitteleuropa ist die Sumpfohreule extrem selten geworden und in manchen Ländern vom Aussterben bedroht. In Deutschland etwa gibt es nur noch rund 40 bis 180 Paare. (Rote Liste 2020, Kat. 1)
Laut IUCN ist der weltweite Bestand der Sumpfohreule nicht gefährdet, doch fehlen für weite Gebiete detaillierte Bestandsangaben. Er wird derzeit auf 1.2 bis 2.1 Millionen Paare geschätzt.
Hauptursache für die Gefährdung der Sumpfohreule sind der Verlust ihres natürlichen Lebensraums, etwa durch Trockenlegung von Feuchtgebieten, Landwirtschaftliche Übernutzung und Überbauung. Weiter spielen auch der Lebensraumverlust durch Veränderungen des Klimas, sowie eine relativ hohe Mortalität auf dem Vogelzug eine Rolle.





